Kunst kennt keine Behinderung: Eine Insiderin der Außenseiterkunst blickt zurück

Susan Päthke leitet 15 Jahre die Kreative Werkstatt Lobetal. Nun stellt sie sich einer neuen Herausforderung und blickt nach den vielen Jahren engagierter Arbeit zurück. Sie tut dies mit einer Ausstellung mit Atelierarbeiten aus den Jahren 2006 bis 2010 in der Bernauer Galerie „aNdereRSeitS“.

Susan Päthke blickt zurück auf 15 Jahre Außenseiterkunst, Foto: Wolfgang Kern

Es sind arbeitsreiche Tage für die Kulturmanagerin Susan Päthke, mit denen sie gut anderthalb arbeits- und erlebnisreiche Jahrzehnte in Lobetal beschließt: Für ihre letzte Galerieausstellung wählte sie aus rund 6.000 Werken im Kunstarchiv Arbeiten von neun verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern aus. Diese sind ab 16. September in der Bernauer Galerie „aNdereRSeitS“ zu sehen. Ausschließlich Grafiken und Gemälde, keine Skulpturen. „Sehr schöne Arbeiten in Schwarz-Weiß, aber auch ausgesprochen farbige, bunte Werke werden es sein“, berichtet sie wenige Tage vor der Vernissage. In unterschiedlichen Formaten, auf unterschiedlichen Materialien und – bis auf die ungerahmten großen Leinwände – in schlichtem Holz- oder Metallrahmen werden die Werke präsentiert. Sie sollen einen Eindruck von der Vielfalt der Handschrift „Made in Lobetal“ vermitteln. Allerdings: Eine persönliche Bilanz ihrer langjährigen Galerie-, Atelier- und Werkstattleiterin ist die Ausstellung „Blick zurück“ nicht. Dennoch eine Ausstellung mit subjektiver Note und deren Zusammenstellung sehr persönliche Erinnerungen zum Ausdruck bringt.

 

Assistenz für Kunst
Offenbart ein Rückblick Entwicklungsetappen bei den von Susan Päthke begleiteten Künstlerinnen und Künstler? Die Fachfrau meint: Eine allgemeine Zäsur könne man nicht finden, wohl aber individuelle Entwicklungen in künstlerischen Schaffensphasen. Was, so Susan Päthke, auch im besonderen Gegenstand und der Ausführung ihrer Arbeit liegt. Sie unterstreicht, dass sie nicht auf den künstlerischen Schaffensprozess einwirkte, sondern ihn organisatorisch und technisch unterstützte. In der direkten Arbeit mit den Künstlerinnen und Künstlerinnen mit individuellen Einschränkungen versteht sie sich als Assistenz. Diese Assistenz ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. „Die eine brauchte vielleicht einen akribisch und pünktlich mit Malerutensilien vorbereiteten Platz, um sich künstlerisch zu verwirklichen, dem anderen stand man beispielsweise beim Bespannen von Leinwänden oder dem Mischen von Farben zur Seite.“ Einem taubblinden Künstler schrieb Susan Päthke mit ihrem Finger immer die Uhrzeit seines nächsten Ateliertermins auf die Hand. Als sie einige Wochen wegen einer OP ausfiel, konnte sie dem Mann auch das mit Gesten und Berührungen vermitteln. Der Künstler hatte später auch mitbekommen, dass sie wegen Elternzeit länger fehlen würde und fertigte ihr eine Skulptur „Mutter mit Kind“ an, die jetzt in ihrer Neuköllner Wohnung steht und sie wohl lange Zeit an die Arbeit mit besonderen Menschen in Lobetal erinnern wird.

 

Außenseiterkunst im Fokus
Im Gespräch mit Susan Päthke wird deutlich, dass sie die Arbeit in Lobetal als ein künstlerisches Einlassen aufeinander, ein gegenseitiges Geben und Nehmen empfand. Sie erinnert sich an die Aufnahme ihrer Tätigkeit 2006. Es gab eine große Aufgeschlossenheit für ihren Ansatz, der stets das Potenzial von „Außenseiterkunst“ in den Mittelpunkt rücken und aus der Nische holen wollte.

Der Begriff „Außenseiterkunst“ tauchte vor etwa 50 Jahren auf, als man eine Bezeichnung für die autodidaktische Kunst von Laien, Kindern, psychisch Erkrankten oder Menschen mit geistiger Behinderung suchte. Aber auch Kunstgattungen wie Dadaismus und Kubismus und die Werke Picassos werden zuweilen in diesem Zusammenhang genannt. Mittlerweile steht der Begriff wohl vor allem für Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die weder eine traditionelle Ausbildung durchlaufen haben, noch sich den Marktmechanismen des Kunstbetriebes unterordnen wollen und können. Und die eben sehr häufig aufgrund von Handicaps Assistenz für die Ausübung ihrer künstlerischen Tätigkeit von anderen Menschen benötigen.

 

Öffentlichkeit schafft Akzeptanz
Unterstützung bestand für Susan Päthke auch darin, für die Kunst von Menschen, die oft nicht standardisiert kommunizieren können, Öffentlichkeit herzustellen. Sie erinnert sich an viele Reisen mit Künstlerinnen und Künstlern an Ausstellungsorte in der ganzen Bundesrepublik und auch zu Preisverleihungen. „So wird es möglich, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu inspirieren. Das war lange Zeit eher ungewöhnlich und mit Hürden verbunden, wird aber alltäglicher.“ Es sind keine Kunst-Etappen, die sie hier erlebt hat, sondern viele kleine Schritte der Normalisierung, der Gleichstellung von Außenseiterkunst mit anderen, von der Allgemeinheit akzeptierten künstlerischen Prozessen und Werken.

Diese Möglichkeiten der Entwicklung und der Akzeptanz boten über die unmittelbare individuelle Arbeit im Atelier hinaus auch übergreifende Projekte. Sie nennt als Beispiele Workshops mit Künstlerinnen und Künstler mit und ohne Handicap, mit Partnern wie der Kunstwerkstatt Mosaik oder der Thikwa-Werkstatt für Theater und Kunst in Berlin sowie mit Gästen aus Polen.

Mit der Galerie „aNdereRSeitS“ in Bernaus ältestem Stadthaus in der Brauerstraße 9 besitzt die Ateliergemeinschaft seit Ende 2014 geeignete Räume, um die künstlerischen Werke einer breiteren regionalen Öffentlichkeit zu präsentieren – wie jetzt in einer Retrospektive. „Man muss Außenseiterkunst aus der Nische holen, sie einer breiten Öffentlichkeit anbieten, wenn wir Inklusion ernst meinen. Das gilt auch für die Präsenz in digitalen und sozialen Medien“, ist Susan Päthke überzeugt.

„Täglich entdeckte ich in der Arbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern, aber auch im Betrieb der Galerie aufs Neue, wie wichtig die künstlerische Ausdrucksweise, eine Äußerung jenseits des Wortes und der Sprache für den Einzelnen ist. Dem unbedingten Willen, sich auszudrücken, eine Möglichkeit geben zu können – das ist ein sehr befriedigender Aspekt meiner Arbeit in der Stiftung gewesen“, blicket sie zurück.

Sie ist stolz darauf, in einer Zeit die Kreative Werkstatt in Lobetal geleitet zu haben, in der sich nicht nur die Ausstellungsmöglichkeiten für Außenseiterkunst verbessert haben, sondern auch die räumlichen Bedingungen für das künstlerische Schaffen. Aus einem sehr engen Stallgebäude konnten die rund 35 Künstlerinnen und Künstler 2016 in einen lichten und hellen Neubau ziehen, der es ermöglicht, auch im Rollstuhl oder mit dem Rollator dabei zu sein.

 

Alleine wäre das nie und nimmer möglich gewesen. Susan Päthke betont, wie wichtig die Unterstützung war: „Die Umsetzung besonderer Projekte und Veranstaltungen war nur möglich durch eine konstruktive Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Bereiche“, sagt sie. Sie ist überzeugt davon, dass das – neben den Künstlerinnen und Künstler - die wichtigste Voraussetzung für eine gute Arbeit war und um der Außenseiterkunst einen Ort zu geben und eine Bühne zu bereiten.

Was bleibt? Susan Päthke: „Außenseiterkunst, wie sie hier in den letzten Jahren unterstützt und entwickelt wurde, kann im besten Sinne des Wortes ein „Antreiber“ von Inklusion insgesamt sein – als Ergebnis eines schöpferischen Prozesses, der von Innen kommt, von Außen unterstützt wird und so Grenzen überwindet.“

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