EIN FESTTAG

Zum Jahresende gibt es eine besondere Filmentdeckung. Eva Hussons Literaturverfilmung EIN FESTTAG steht ganz in der Tradition des großen britischen Kinos und bietet dennoch einen ganz eigenen Blick auf England in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Der Film feierte beim Filmfestival in Cannes seine internationale Premiere.

Die englische Upper Class auf ihren Landsitzen bietet uns seit jeher eine geläufige Personage aus Literatur und Film. So gesehen, nichts Neues also. Dennoch, dieser leise Film ohne vordergründige Dramatik lohnt unbedingt den Kinobesuch. Basis ist ein Bestseller des britischen Erfolgsautors Graham Swift (u.a. WASSERLAND - Roman, 1983). Und die Regisseurin Eva Husson (BANG GANG, 2015) hat vor allem eine überraschend stilsichere Erzählversion für die verschachtelte Dramaturgie der Story entwickelt, um ihre riskante filmische Poesie zu realisieren. 

Dies ist ein überaus bildstark erzählter Film. Eva Husson setzt die Bilder wie Worte ein und handhabt die filmische Syntax - den Bildausschnitt, Schnitt, das Licht, die Arrangements, Dialoge, Musik etc. - so souverän, dass der Film auch noch nach mehrmaligem Sehen ungebrochen frisch wirkt.

Der Originaltitel MOTHERING SUNDAY bezieht sich auf die britische Version des Muttertages. An diesem Tag werden die Mütter besucht, und auch die Dienstboten bekommen frei. Jane, die Heldin des Films, wuchs nach der Geburt in einem Waisenhaus auf und hat also keinen Anlass, den Muttertag nach den üblichen Regeln zu begehen. Die attraktive und kluge Jane - vorzüglich gespielt von der australischen Schauspielerin Odessa Young - ist, was sonst hätte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg aus einem Waisenkind werden können, Hausmädchen in einer wohlhabenden Familie, die sie im Übrigen einigermaßen freundlich behandelt. Schließlich ist der ohnehin nette Colin Firth (Oscar für THE KING‘S SPEECH, 2010) der Hausherr und Olivia Colman (Oscar für THE FAVOURITE, 2018) seine Ehefrau.

Jane macht sich also an diesem freien „Mothering Sunday“ im Jahre 1924 auf, um im Nachbaranwesen den jungen Herrn Paul - Josh O‘Connor (Prince Charles aus THE CROWN, 2019) - aufzusuchen, der ihr signalisiert hat, dass die Familienbande anderweitig beschäftigt sei. Also stünde das ganze Gutshaus ihren erotischen Ambitionen offen.

Regisseurin Eva Husson:
„Beim Casting hatten wir großes Glück. Wir bekamen Odessa und Josh, und von da an schienen alle das Drehbuch zu lieben und sagten zu. Colin Firth, ja! Olivia Colman, hurra! Sie verleihen jeder Figur eine solche Ernsthaftigkeit und Würde, sie haben der ganzen Geschichte eine weitere Ebene gegeben.“

Nach ausgiebig absolviertem Sex und den Zigaretten danach, muss der Sohn des Hauses allerdings schleunigst den alten Herrschaften nachfahren, denn man hat sich zu einer Landpartie irgendwo an der Themse mit Freunden der Familie und der potenziellen und natürlich standesgemäßen Verlobten Pauls verabredet, um die Hochzeitsplanungen einzuleiten. Jane hat also noch ausreichend Zeit, um sich allein - by the way: splitterfasernackt - in der altehrwürdigen Residenz umzusehen, ein bisschen Pastete zu naschen, sich ein Bier zu gönnen und vor allem die enorme Bibliothek zu bewundern. 

Diese private Besichtigungstour inszeniert die Regisseurin völlig unvoyeuristisch und erzählt so, en passant, eine Menge über Zeit und Leben, obwohl der Film vordergründig durchaus unpolitisch scheint. Als Jane im Foyer vor dem großen Spiegel zum ersten Mal sich selbst in ganzer Schönheit sieht, ist das wie der Auftakt eines neuen Selbstbewusstseins. 
Im Roman steht dafür: „Nie zuvor hatte sie die Möglichkeit gehabt, sich selbst in ihrer Nacktheit zu betrachten. In ihrer Mädchenkammer hatte sie einen kleinen Spiegel, der nicht größer war als eine der Bodenfliesen in der Halle. Das ist Jane Fairchild! Das bin ich!“

Schauspielerin Odessa Young:
„Es gibt einen wesentlichen Abschnitt in diesem Film, der ohne die Nacktheit nicht die gleiche emotionale Tiefe hätte. Tatsächlich ist die Schlichtheit des nackten Körpers in diesen Szenen das Herzstück des Films, denn Jane ist so entblößt und so verletzlich, aber auch so stark. Es gab keine andere Möglichkeit, das umzusetzen. Ich hatte Eva Hussons Arbeiten gesehen und wusste, dass sie diese Szenen in MOTHERING SUNDAY mit viel Feingefühl umsetzen würde.“

Jane ist zudem eine überaus wissbegierige junge Frau, die schon immer sprachliche Nuancen notiert hat, Literatur über alles liebt und mit der Zeit ganz selbstverständlich zu einer Schriftstellerin wird. 

Der Film spielt, oft verblüffend unvermittelt, mit den verschiedenen Stadien dieser Entwicklung und das gelingt der Regisseurin immer glaubwürdig. Überhaupt sind ihre stilistischen Mittel oft eigenwillig, aber gerade deshalb auch attraktiv. Wenn es im Buch beispielsweise heißen könnte „Ihr Haar wehte im Fahrtwind“, dann sieht man von der radfahrenden Jane nur extrem nah die wehenden Haare, wie man es beim Lesen ja ebenfalls so imaginieren würde. Man fokussiert ohnehin den lebendigen Blick zumeist auf die Details. Diese extremen Groß- und Naheinstellungen mögen manchmal vordergründig wirken, sie sind aber perfekt in die Dramaturgie gefügt.

Natürlich hat der Film dann doch noch sein dramatisches Ereignis, das eine Wendung in Janes Leben einleitet, was man in einer Rezension jedoch nicht vorwegnehmen sollte. 


Schauspielerin Odessa Young:
„Wissen Sie, es ist ein Film über eine weibliche Künstlerin, die gegen den Widerstand ihrer Klasse und ihres Bildungsniveaus etwas erschafft. Ich denke, dass jeder Kreative das Gefühl hat, dass es ein Kampf ist, in einer Welt zu arbeiten, die nicht unbedingt so gemacht ist, dass sie unsere Bedürfnisse unterstützt - insbesondere weibliche Kreative. Deshalb hat mich die Geschichte sehr, sehr stark berührt.“

Der Film kommt kurz vor Weihnachten, am 23. Dezember, in die Kinos. Wer sich zwischen den Jahren etwas Besonderes gönnen möchte, dem sei zu den Festtagen „EIN FESTTAG“ empfohlen.

Philipp Teubner

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